Körper im Rollenspiel

Robert Longo, Men in the Cities, New York, 1976/1982 [© Robert Longo, courtesy Schirmer/Mosel Verlag]

Die Ausstellung „Body Performance“ der Helmut Newton Stiftung versammelt Arbeiten von 13 international renommierten Künstlerinnen und Künstlern, bei denen der Mensch als Akteur und Kunstobjekt fungiert.

Als eigenständige Kunstform lebt die Performance meist von der Wirkung des Augenblicks, vom einmaligen künstlerischen Ausdruck. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Künstler Wert auf mediale Dokumentation und Rezeption legen, um ihrer Performance Nachhaltigkeit zu verleihen. Dabei geht das Zusammenwirken von Fotografie, Performance und Aktionskunst auf eine lange Tradition zurück, die bis heute verschiedene Ausprägungen zeitigte, so beispielsweise in der surrealistischen Fotografie der Vorkriegszeit oder als provokante Körperkunst der Wiener Aktionisten in den 1960er Jahren. Mit spektakulären Körperinszenierungen im öffentlichen Raum wurde Ende der 90er Jahre der US-Amerikaner Spencer Tunick bekannt. Er versammelt seine Akteure zu nackter Menschenmasse in aller Öffentlichkeit (z. B. 2010 vor dem Opernhaus in Sydney) und versteht sie als Teil der Landschaft, als Landschaftsskulptur. Er verwischt damit die Grenzen zwischen Performance und Aktfotografie.

Das geschieht auch in der neuen Ausstellung „Body Performance“ der Helmut Newton Stiftung mit Werken von Vanessa Beecroft, Yang Fudong, Inez & Vinoodh, Jürgen Klauke, Robert Longo, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Barbara Probst, Viviane Sassen, Cindy Sherman, Bernd Uhlig und Erwin Wurm. Zu sehen sind zeitgenössische Körper-Performances mit unterschiedlichen fotografischen Blicken und Inszenierungen.

Vanessa Beecroft arbeitet seit 1994 an groß angelegten Performances, die sie in Galerien, Museen und auf öffentlichen Happenings stattfinden lässt. Dabei agieren nackte oder bekleidete Models wie auf einer Theaterbühne, mit der Künstlerin als Regisseurin im Hintergrund. Ihre legendäre Performance „VB 55“ fand 2005 in der Berliner Nationalgalerie statt. Beecroft lehnt sich an die Körperskulpturen von Spencer Tunick an, der allerdings ausschließlich mit Amateuren und im freien Raum arbeitet.

Helmut Newton ist in der Ausstellung mit dem „Ballet de Monte Carlo“ vertreten, Aufnahmen aus einer relativ unbekannten Serie, die seit den 1980er Jahren auf den Straßen von Monaco entstand. Im Gegensatz zu Bernd Uhlig, der die Dynamik der Tanzperformance auf der klassischen Bühne fotografisch festzuhalten sucht. Seine Tanzfotografie entsteht in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz, deren Inszenierungen auf diese Weise eine adäquate Bildentsprechung finden.

So haben die Fotografen und Fotografinnen unterschiedliche Ansätze, eine Performance abzubilden: dokumentarisch oder interpretatorisch. Nicht selten arbeiten sie aber nach eigenen Ideen und mit eigener Regie. Wie auch beispielsweise Erwin Wurm, Viviane Sassen, Cindy Sherman und das Fotografenpaar Inez & Vinoodh.

Wurm bittet sogar vorbeilaufende Passanten um eine Miniperformance vor seiner Kamera. Von ihm meist in lustiger Weise animiert, werden die Mitspieler so für kurze Zeit selbst zu Schauspielern, im besten Fall zum Kunstwerk.

Viviane Sassen bedient sich surrealistischer Mittel, indem sie die Modelle eigenwillig verfremdet. Widersinnige Optik soll dabei Denk- und Sehgewohnheiten erschüttern.

Auch bei den Performances von Cindy Sherman spielen Irritationen eine Rolle, wobei sie selbst als Akteurin auftritt.

Irreale Körperbilder sind schließlich das Markenzeichen des Fotografenpaars Inez & Vinoodh. Es sind Bildmanipulationen, entstanden durch Verschmelzungen von realen Menschen und Puppen oder Männern und Frauen.

So haben die insgesamt 13 Fotokünstler ihren jeweils eigenen Zugang zu Körper-Performances. Rollenspiele, Bewegung und Tanz, Grenzüberschreitungen und Irritationen verleihen dabei ihren Werken besondere künstlerische Qualität. Für die Möglichkeit, in der Ausstellung davon zu profitieren, in einer Zeit, in der jeder ein perfektes Selfie ins Netz stellen möchte, ist der Helmut Newton Stiftung zu danken.

Reinhard Wahren

 

Information
Body Performance.
Vom 30. November 2019 bis 10. Mai 2020 in der Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

 

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