Wo die Liebe hinclickt

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Einst hatte es den Ruf der schrägen Vögel, heute ist Onlinedating eine der gängigsten Arten, jemanden kennenzulernen. Denn auch wenn der Funken zuerst einen anderen Weg nimmt – damit es Liebe wird, muss er auf die gute, alte Weise überspringen.

Manuela ist so frisch verliebt, dass man neidisch werden könnte. Das dritte Date mit Leo war super: Erst spazierengehen, dann haben sie sich an einer Bude Pommes geteilt. „Ketchup UND Mayo“ haben beide gleichzeitig gesagt, als der Verkäufer fragte, was draufsoll. Bei der Gelegenheit gestand Leo Manuela auch, dass er Leo heißt und nicht „Daniel“, wie sie erst dachte. „Daniel“ ist der Name, den er beim Onlinedating benutzt. „Weil Leute sich unter Leo immer einen anderen Typen vorstellen“, sagt er. Das ist das Einzige, was Manuela ein bisschen merkwürdig findet bei diesem Kennenlernen. Anders als Leo hatte sie zuvor noch nie nach einer Liebesbeziehung im Internet gesucht.

Internetdating gibt es in Deutschland seit ungefähr 25 Jahren. Schon davor suchten Menschen mit Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften außerhalb ihres direkten Umfeldes nach Liebe und Sex. Doch das war aufwändig und eher selten erfolgreich. Viel eher kamen Beziehungen durch Bekanntschaften bei der Arbeit oder durch Freunde zustande. Heute sind etwa zehn Prozent aller Deutschen in Datingportalen oder -Apps angemeldet, die Isolation durch Corona hat diese Zahl noch erhöht. Zwischen einem Drittel und der Hälfte aller neuen Paare lernen sich heute auf diese Weise kennen. Die Ausrichtungen der einzelnen Portale sind dabei so vielfältig wie die menschlichen Sehnsüchte selbst: Von romantischer Innigkeit auf den ersten Blick bis zum wortlosen Sextreffen im Vollkörperlatexanzug reichen die Möglichkeiten, online nach einer verwandten Seele zu suchen. Und alles das kann genauso zu Seitensprüngen und Affären wie zu langlebigen, verbindlichen Partnerschaften und Ehen führen: Je nachdem, was man sucht – und wo die Liebe hinfällt.

Manuela ist Mitte vierzig und nicht mit dem Internet als sozialen Ort aufgewachsen: „Ich dachte erst, dass man auf Onlinebörsen nur Leute trifft, die im normalen Leben niemanden finden.“ Darum winkte sie erst ab, als Freundinnen ihr rieten, nach ihrer Scheidung auf diesem Weg einen neuen Partner zu suchen. „Mir kam das so geschäftsmäßig vor, dass man einem Fremden erzählen soll, was man von einer Beziehung erwartet, bevor man ihm auch nur die Hand geschüttelt hat.“ Ihren Ex hatte sie „ganz normal auf der Arbeit“ kennengelernt. Doch in Zeiten, wo der Umgang der Geschlechter miteinander neu geregelt wird, haben sich auch Verhaltensnormen in der Freizeit und am Arbeitsplatz gewandelt. „Früher war es ja fast normal, dass du geflirtet hast, wenn dir jemand gefiel“, sagt Leo. „Und wenn man in eine Bar oder Disco ging, war auch klar, dass man jemanden kennenlernen wollte.“ Doch heute sind Interessensbekundungen und Kontaktaufnahmen in der Öffentlichkeit nicht mehr selbstverständlich – wenn man überhaupt noch mehr als nötig unter Leute geht. Auch Leo sieht darin Vorteile. „So weiß ich wenigstens, dass eine Frau auf der Suche ist und bin nicht der Gruselonkel, der eine anbaggert, die das vielleicht gar nicht will.“ Auch Manuela begann, die klaren Regeln des Onlinedating rasch zu schätzen: „Du kannst deutlich sagen, was du willst und was nicht. Wenn man sich dann trifft, hat man das Gefühl, sich vom Schreiben schon ein bisschen zu kennen.“ Doch egal, wie lange man vorher schon geschrieben oder sogar telefoniert hat: Der Moment, in dem man sich zum ersten Mal in Fleisch und Blut gegenübersteht, setzt alles nochmal auf Null. Entscheidend ist, ob die Chemie stimmt und ein Funke überspringt – das ist beim Onlinedating nicht anders als bei jeder anderen Form des Kennenlernens. Darum sind solche Beziehungen auch nicht unstabiler, dazu gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen.

Insgesamt verspricht Onlinedating eine größere Auswahl an potenziell passenden Bekanntschaften und erfordert darum die Fähigkeit des Wählenkönnens. „Zuerst war es wie im Schlaraffenland“, sagt Leo über seine Anfänge. „Ich habe mich auf keine eingelassen, weil ich dachte, da sind ja noch hundert andere, die ebenso attraktiv sind, und wo vielleicht irgendwas noch einen Ticken besser passt.“ Das brachte ihm irgendwann eine Art „Dating-Burnout“, wie er es nennt. „Eines Morgens wachte ich bei einer auf, die ich erst am Vorabend zum ersten Mal getroffen hatte, und mir fiel ihr Name nicht mehr ein. Da fand ich mich selbst zum Kotzen.“ Für ein halbes Jahr meldete sich Leo dann von allen Portalen und Apps ab und konzentrierte sich nur auf sich selbst. „Ich wechselte den Job und fing an Yoga zu machen.“ Das war vor Corona. Die Kontaktbeschränkungen verstärkten seine Überzeugung, dass er auf der Suche nach einer Partnerin nicht mehr in die alte „Konsumhaltung“ zurückkehren will. Nach dem ersten Lockdown gab er der Sache nocheinmal eine Chance. Er meldete sich erneut bei einem Portal an – diesmal bei einem, wo man durch umfangreiche und reflektierte Angaben zu sich selbst eher die innere Passung als die reine Optik in den Vordergrund stellt. Dort lernte er nach kurzer Zeit Manuela kennen. „Sie schrieb gleich, dass das ihr erster Versuch ist. Und da wollte ich irgendwie nicht der Typ sein, der ihr gleich ein Scheiß-Erlebnis beschert.“ Die beiden gingen es langsam an. Fast zu langsam, sagt Manuela: „Er war so zurückhaltend, dass ich irgendwann dachte, jetzt will ich es mal wissen.“ Darum ergriff sie kurz nach dem Bekenntnis mit dem falschen Namen die Initiative. Jetzt strahlt Leo: „Sie hat mich dann zuerst geküsst. Das hat vorher noch nie eine Frau getan.

Susann Sitzler

 

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